Nadine Sidonie Rebel • 1. Mai 2026

Es stand auf meiner Bucket-List

Collage Bühnenfotos Inszenierung Poppea Staatstheater Augsburg


„Es stand auf meiner Bucket-List: Einmal im Leben eine Oper besuchen.“


Das war eine dieser Aussagen, die die Tragweite eines Opernbesuchs in ihrer Tiefe zeigen. Kein beiläufiger Gedanke, sondern ein fast ehrfürchtiger Wunsch – verbunden mit einer Mischung aus Neugier, Respekt und vielleicht auch der leisen Vorstellung, dass Oper etwas ist, das man „einmal gemacht haben sollte“, ohne zu wissen, ob es einem auch gefällt.


Mein aktuelles Gast-Engagement am Staatstheater Augsburg hat natürlich dazu geführt, dass zahlreiche meiner Freunde und Bekannten, Familienmitglieder und Kursteilnehmerinnen die Oper „Die Krönung der Poppea“ bereits besucht haben oder noch besuchen werden. Neben der persönlichen Streicheleinheit für meine Künstlerseele habe ich dabei allerdings viel mehr gesehen.


Auffällig ist dabei vor allem die Vielfalt des Publikums – und ganz besonders auch der Anteil an jungem Publikum. Menschen, die selbstverständlich mit TikTok, schneller Bildsprache, permanenter Reizüberflutung und lauter, unmittelbarer Musik aufgewachsen sind. Also genau jener Generation, der man Oper oft vorschnell als „zu langsam“ oder „zu weit weg“ zuschreibt.


Und doch saßen genau diese Menschen im Publikum. Manche vielleicht zunächst nur mir zuliebe gekommen, mit einer gewissen Skepsis oder einfach aus Neugier. Und dann passiert etwas, das sich in keiner Statistik abbilden lässt: Nach der Vorstellung ein schlichtes, ehrliches „War cool!“ oder „Hat Spaß gemacht.“ – oft mit einem überraschten Lächeln, als hätte man selbst nicht erwartet, dass einen das so abholt.


Fünf von neun Vorstellungen wurden bereits gespielt. Und ich kann sagen: Ich liebe diese Inszenierung. Altes Kulturgut in die Moderne zu übersetzen ist eine Aufgabe, die nur mit viel Fingerspitzengefühl und großem Können gelingt. Meiner persönlichen Meinung nach ist genau das hier absolut gelungen.


Ich musste dabei an 1996 denken, als der Film „Romeo + Julia“ in die Kinos kam. Ich habe ihn mehrfach gesehen – nicht wegen Leonardo DiCaprio, sondern weil er mich gepackt hat. Shakespeare, seine Mono- und Dialoge in alter Sprache, übertragen in eine moderne Welt. Ein neuer Zugang, ohne den Kern zu verlieren. Genau dieses Prinzip sehe ich auch hier: Wertschätzung für das Original und gleichzeitig der Mut, es in unsere Zeit zu holen.


Die Kritiken beleuchten diese Produktion in der ihnen eigenen, vertrauten Form der Theaterkritik – ein Blickwinkel, der einordnet, analysiert und seinen festen Platz hat. Gleichzeitig entsteht vor Ort noch eine weitere Ebene, die sich nur im direkten Erleben erschließt.

Ein Blick ins Publikum zeigt eine beeindruckende Altersspanne – von Kindern bis hin zu Senioren. Menschen, die gebannt verfolgen, was auf der Bühne geschieht. Menschen, die wiederkommen wollen. Die sich dieses Erlebnis nicht nur einmal gönnen, sondern erneut eintauchen möchten. Es entsteht der Eindruck, dass diese Inszenierung nicht nur ein Fachpublikum anspricht, sondern auch jene erreicht, die vielleicht zum ersten Mal den Weg in die Oper gefunden haben – und bleiben möchten.


Es ist ein Feuerwerk für die Sinne. Moderne Technik, die nicht Selbstzweck ist, sondern dazu dient, das Alte neu erfahrbar zu machen. Bilder, Klang und Emotion greifen ineinander und schaffen einen Raum, der weit über das Erwartbare hinausgeht.

Besonders berührt mich das Ensemble. Menschen, die mit jeder Faser diese Inszenierung leben. Die nicht nur spielen, sondern verkörpern. Die Energie auf und hinter der Bühne ist spürbar getragen von einer gemeinsamen Leidenschaft – und genau das überträgt sich.


Mehrfach habe ich Rückmeldungen bekommen, dass meine eigene Energie auf der Bühne etwas auslöst – dass sie mitnimmt, berührt und nachhallt. Besonders schön ist für mich dabei ein Satz, den ich immer wieder höre: „Wenn du wieder auf der Bühne stehst, komme ich wieder.“ Das ist ein großes Kompliment und für mich weit mehr als eine flüchtige Reaktion.


Und vielleicht steckt darin auch etwas, das über die einzelne Vorstellung hinausgeht. Für mich selbst fühlt es sich so an, als wäre ich hier angekommen. Ein Ort, der sich nach Heimat anfühlt, ohne dass ich ihn gesucht hätte – und genau deshalb umso stimmiger.

Gleichzeitig ist da diese leise, aber sehr klare innere Bewegung: endlich darf ich Künstlerin sein, wirklich und ohne Einschränkung. Es ist, als würde ein lange gespannter Bogen sich lösen. Oder anders gesagt: endlich darf der Schmetterling fliegen.


All das kann natürlich in der aktuellen Berichterstattung nur in Teilen zur Sprache kommen – was völlig in der Natur der Perspektiven liegt. Deshalb schreibe ich diesen Text als persönliche Ergänzung. Mit meinem Blick aus dem unmittelbaren Erleben heraus.

Was hier geschieht, ist mehr als eine Opernproduktion. Es ist Begegnung. Zwischen Generationen, zwischen Erwartung und Überraschung, zwischen Tradition und Gegenwart. Diese Inszenierung schafft etwas, das selten selbstverständlich ist: Sie öffnet Türen, ohne sich anzubiedern, und sie bewahrt das Original, während sie es zugleich neu erlebbar macht.


Für mich die vollumfängliche Aufgabe von Kunst perfekt umgesetzt. Räume schaffen, in denen wir uns selbst und einander neu begegnen können. Räume, in denen Tradition lebendig bleibt. Räume, die verbinden.



Für mich ist diese Produktion genau so ein Raum. Und ich bin dankbar, ein Teil davon zu sein.

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